Web Meets Desktop: Electron 1.0, das Web und moderne Cross-Platform Desktop Appsde

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Ein kurzer Kommentar zur Fertigstellung des 1.0 Release von Electron.

Gerade erst haben die Macher hinter Electron (früher bekannt als Atom) die Version 1.0 freigegeben, doch schon seit Monaten erfreut sich das Projekt größter Beliebtheit — auch und gerade unter namhaften Softwareherstellern wie Microsoft (Visual Studio Code), GitHub (Atom Editor) und Slack Technologies (Slack). Über 60 bedeutende Electron-basierte Apps listet die projekt-eigene Web Site auf. Kommt nach dem Hype um Web Apps nun also die Rückbesinnung auf den guten alten Desktop, die native Software-Anwendung?

Was an den besagten App-Referenzen auffällt: Die meisten von ihnen stammen aus dem Web und werden sozusagen rückportiert auf den Desktop, natürlich plattform-übergreifend. Die meisten darunter sind daher bereits mit einer Web App vertreten, die oft sogar mehr kann als die quasi-native Version (es handelt sich bei Electron immer noch um einen nativen Wrapper). Es handelt sich daher nicht um eine einfache Rückbesinnung auf die Zeit als Software lokal und “pro-Maschine” installiert wurde. Viel mehr versuchen die Entwickler, die Vorteile von web-basierten und nativen Anwendungen zu verehelichen.

Dazu haben sie freilich gute Gründe, denn trotz der rasanten Entwicklung von Web-Standards und -Technologien in den letzten Jahren (man denke an HTML5, CSS3, WebSockets, Browser-Standardisierungen), sind Web-Apps bisher nicht in der Lage, das Versprechen nach einem nahtlosen, nativen “Look and Feel” einzulösen. Ihre Vorteile (Plattformunabhängigkeit, Verfügbarkeit, etc.) werden von den anspruchsvollen Digital Natives als Selbstverständlichkeit eingefordert, zeitgleich wird ihre Andersartigkeit im Vergleich zu nativen Anwendungen wie z.B. Office als nicht heilen wollende Naht, als Bruchstelle wahrgenommen.

Mit der Einbeziehung des Desktops als weiterhin wichtige produktive Arbeitsumgebung in der Wirtschaft, können Hersteller moderner Hybrid-Apps mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen:

  • Die nahtlose Einbettung in das Betriebssystem erlaubt es den Herstellern, die plattform-spezifischen Möglichkeiten auszunutzen, die Web-Apps bisher verwehrt bleiben (z.B. Zugriff auf das volle Dateisystem, Integration in andere Desktop-Anwendungen, vollständige und vollwertige Offline-Verfügbarkeit, eigene UI Shell ohne Browser-Chrome).
  • Die Verwendung von HTML5 und CSS3 schafft einen hohen Grad an Wiederverwertbarkeit von getätigten Investitionen in vorhandene Web-Apps.
  • Auch ein großer Teil an technischem KnowHow von Webentwicklern lässt sich meist problemlos in die Desktop-Anwendungsentwicklung transferieren.
  • Hybrid-Apps sind vollwertige Web- und Desktop-Anwendungen: Der Zugriff auf Webdienste (APIs) erfolgt weiterhin über die bisherigen Web-Technologien, so dass es nicht zum Medienbruch kommt. Gleichzeitig wird der vollwertige Zugriff auf lokale Maschinen- und Netzwerkdienste (lokale Festplatte, SQL Server, etc.) ermöglicht.
  • Hybrid-Apps haben den großen Vorteil, dass sie geschickt wählen können, welche Dienste sie lokal oder in der Cloud konsumieren wollen. Dies ermöglicht ein kosteneffizientes Backsourcing. Anwendungen können so problemlos als Thin und Thick Client zugleich eingesetzt werden. Ihr dezentraler Web-Charakter erlaubt eine kostengünstige Verteilung und ständige Verfügbarkeit. Gleichzeitig erlaubt ihre Einbettung in das Betriebssystem Zugriff auf alle lokal verfügbaren Resourcen wie Netzwerke, Drucker, Datenbanken und -speicher.

Obige Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und kann beliebig erweitert werden. Die Schlussfolgerung ist eindeutig: Hybrid-Apps wie sie von Electron unterstützt und möglich gemacht werden füllen eine klaffende Lücke zwischen der Web- und der nativen Plattform im Bereich produktiver Software. Ihr Ziel einer kostengünstigen Integration von Web- und lokalen Diensten macht sie zu einer interessanten Alternative in der plattformunabhängigen Entwicklung von Geschäftsanwendungen.

Es kann also davon ausgegangen werden, dass sich die Anzahl der Electron-Apps auf der eingangs erwähnten Referenz-Seite in den kommenden Monaten vervielfachen wird. Anwender und Entwickler sollten solchen Projekten und ihren Machern dankbar sein.

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